Portal Foren-Übersicht Fragen und Tipps rund ums Schreiben Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

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Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Graufeder » Mi 16. Mär 2016, 23:31  

Hallo zusammen,

ich könnte für unsere nächste Schreibaufgabe ein paar Tipps bezüglich Perspektivenwechsel sehr gut gebrauchen. Natürlich nur, wer Zeit und Lust hat. Ich habe vor, zwei Charaktere mal in der Ich-Form, mal in der personalen Form zu schreiben bzw. sie innerhalb der Geschichte mehrmals die Perspektiven wechseln zu lassen.

Zum Beispiel im Dialoganhängsel die Gedanken des Einen und im Antwortdialog die Gedanken des anderen aus der Ich Form beschreiben. Wieviele solcher Wechsel verträgt ein Leser? Und wie setze ich sowas am besten um? Ich stehe da etwas auf dem Schlauch, aber es wäre schön, wenn das funktionieren würde.

Wobei Gedanken ja noch relativ gut zu bewerkstelligen wären, ein besseres Beispiel für meine Schwierigkeit:

Ich erzähle personal, die Geschichte gelangt an eine besonders skurille Stelle, an der ich gern in der Ich-Form fortsetzen möchte, während der zweite Charakter personal bleibt. Oder vielleicht auch aus seiner Ich-Perspektive dem ersten Charakter folgt. Kann man das überhaupt so umsetzen, besonders wenn in spannenden Szenen der Wechsel häufig erfolgt? Wie sieht sowas sprachlich aus? Jede Sicht in einen eigenen Absatz, der dann vielleicht nur ein zwei Zeilen lang ist?

Das sieht irgendwann sicher komisch aus, dachte ich mir nur. Nun wende ich mich an Euch.
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Re: Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Penelope » Do 17. Mär 2016, 00:29  

Hallo Graufeder,

vielleicht zunächst zum Thema Darstellung von Perspektivenwechseln: ich habe im vergangenen Jahr eine Kurzgeschichte geschrieben, in der ich aus der Sicht fünf verschiedener Figuren die Ereignisse schildere, die in einer bestimmten Minute stattfinden. Da hatte ich sechs Abschnitte, in denen den einzelnen Figuren in wechselnder Reihenfolge jeweils ein bis zwei Sätze gewidmet waren. Ich habe tatsächlich (so wie ich es im Kurs gelernt habe) vor jedem Perspektiven- bzw. Figurenwechsel eine Zeilenschaltung gemacht. Macht das Schriftbild etwas unruhig, zugegeben, aber das Lesen definitiv einfacher. Komisch sah es nicht aus. Das ist aber auch wohl das kleinste Problem, weil sich nichts schneller bei der Überarbeitung ändern lässt als Absätze. 

In meinem Fall haben die Leser das mitgemacht, allerdings habe ich auch ganz bewusst am Anfang einen auktorialen Erzähler angelegt, sodass gleich klar war, dass der in jede Figur hineingucken und deshalb glaubhaft aus der Sicht aller Fünfe erzählen konnte. Wenn du aus Sicht auch nur zweier Personen erzählst und über jede gleich gut Bescheid weißt, bist du nicht mehr personal, sondern auktorial unterwegs. So sehe ich das zumindest. Wenn dann mittendrin von der dritten Person in die Ich-Form gewechselt wird, kann ich mir das als inneren Monolog der jeweilige Figur denken. Warum sollte sich der nicht über mehrere Zeilen erstrecken können? Aber auch dann gibt meiner Meinung nach ein auktorialer Erzähler die Gedanken einer Figur nur einfach sehr direkt wieder. Quasi wie wörtliche Rede. Nur eben als Gedanken. 

Grundsätzlich habe ich die Erfahrung gemacht, dass, wenn ich einen Plot, die Figuren und die Erzählabsicht habe, sich der Erzählertyp auch noch in der dritten oder fünften Fassung ändern kann. Irgendeiner ist sicher der passendste, aber das finde ich manchmal erst heraus, wenn ich alle anderen auch mal durchprobiert habe. Schreib es so runter, wie es dir eingefallen ist, und dann schreib es um, wenn's sein muss. Es wird schon einen Grund geben, warum dir die Idee dazu gleich bei der Konzeption so gekommen ist. 

Und wenn es dir nur darum ging, uns auf deine nächste Geschichte neugierig zu machen: Ziel erreicht.

Viele Grüße
Penelope
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Re: Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Elke » Do 17. Mär 2016, 00:43  

Hallo graue Feder,
 
da werfe ich gleich meine 2 Cent in die Runde. :-)
Eigentlich gehört die Geschichte dem Ich-Erzähler, so es ihn gibt.
Denn er hat ja die dringende Absicht, etwas Selbsterlebtes zu Papier zu bringen.
 
Man kann natürlich bei einem längeren Werk dann das zweite Kapitel personal vortragen lassen.
Das würde Sinn machen, wenn die Perspektiven auseinander gehen -- im wahrsten Sinne.
So könnte das als Stilmittel durchgehen. Ich versuche ein Beispiel:
 
Der Ich-Erzähler erzählt im ersten Kapitel, wie sehr er sich in eine Frau verliebt hat, die ihm seitdem total verfallen ist.
Im zweiten Kapitel kommt diese Frau personal zu Wort, die sich natürlich alles andere als verliebt gibt.
Und so weiter.
 
Der große Anreiz hier ist für die Leser, dass sie einen Wissensvorsprung haben.
Aber wofür braucht es den Ich-Erzähler dann?
Man könnte gleich beide Figuren personal agieren lassen.
Aber es gibt ja auch die künstlerische Freiheit. :-)
 
Ausgehend von der personalen Erzählperspektive hast du eine riesengroße Bandbreite.
An der Stelle würde ich gerne ein Tafelbild malen, denn die Bandbreite ist dermaßen beeindruckend, dass sie zu Papier gebracht nicht beeindruckend genug wiedergegeben wird.
 
Stell dir vor:  Die personale Perspektive beinhaltet die Ich-Perspektive bereits!
Schlüpfe in deine Figur und zeige, was sie denkt oder fühlt.
Das ist der innere Monolog, wie Penelope ihn aufgeführt hat.
Und in welcher Perspektive monologisiert oder denkt deine Figur? -- Klar, in der Ich-Perspektive!
Ich habe kein Lesebeispiel zur Hand, ich kann ja mal in einer auf die Schnelle konstruierten Szene hineinzoomen und wieder hinauszoomen. Achte nur auf den "Zoomfaktor", also auf die Nähe zum Erzähler:
 

Es war ein kalter Abend und es würde eine bitterkalte Nacht werden. Graufeder saß in seinem Arbeitszimmer und starrte auf das Forum der Schreibschule, in das sich von Zeit zu Zeit noch immer Schüler verirrten und wohl noch Kommentare hinterließen. Ich sollte jetzt mit dem Hund gehen, dachte er, aber er wartete noch. Worauf? Er kaute auf seinem Bleistift. Im Grunde sind die um 23.30 Uhr durch. Aber vielleicht kommt ja Isabell noch. Sie, deren Geschichte er am Mittag gelesen hatte.
Wie auf ein Stichwort jaulte sein Hund Julius, es war ein langes, trauriges Wolfsheulen.
Ja, guter Kamerad, so kann es gehen. Lass uns raus gehen. Die kalte Luft tut auch mir gut. Ich hänge seit geschlagenen 14 Stunden am PC und hätte längst ein Ende finden müssen.
 
Guiseppe Schulte ließ die Außenrollos seines Trinkhallen-Büdchens herunter. Er hatte genug. Der Tag war gelaufen, dachte er, die letzte Kundschaft vor einer Stunde abgeschwirrt. Es war Mittwoch, in zwei Minuten war es bereits Donnerstag, und er war spät dran. „Zu spät“, murmelte er in Gedanken an seine Frau, die jetzt mit dem Baby sicher vor dem Fernseher saß – das letzte Mal vor dem Schlafengehen es stillen, und es dann in seine Wiege legen würde. Dann wäre auch sie hundemüde, so müde, dass er, Guiseppe, weder Frau noch Kind wach antreffen durfte. Es ist eine Schande, dachte er. Es ist eine Schande, mit 45 Jahren einen popeligen Imbissbetrieb zu haben, von dem die ganze Welt abhängt. Morgen werde ich, das nehme ich mir vor, der Sache eine andere Wendung geben.
Es nieselte. Graufeders Hund Julius heulte. 

 
Du siehst: Beides funktioniert hier: Ich und personal.
Aber umgekehrt nicht.
Daher würde man wohl schon aus kreativen Gründen diese Perspektive bevorzugen.

Liebe Grüße,
Elke
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Re: Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Graufeder » Do 17. Mär 2016, 08:56  

Vielen Dank, ihr beiden. Das war sehr hilfreich. Dann mach' ich mich mal ran. {#emotions_dlg.snoopy}

Schreib es so runter, wie es dir eingefallen ist, und dann schreib es um, wenn's sein muss.


So bin ich mit "Vom Lauschen der Stille" letztlich auch verfahren, ich hatte richtig Spaß an der Ich-Perspektive. Obwohl ich sie zuvor noch nie benutzt hatte. Und die Geschichte hat wesentlich davon profitiert. Sie ist viel spannender geworden.

Ziel erreicht.


Sehr gut. mrgreen Nein, Quatsch. Das war nicht meine Intention. Aber ich kann verraten, daß die neue Geschichte dialoglastiger wird, das vereinfacht die Ich-Perspektive etwas. Aber auch die Vermischung von personaler Perspektive mit ersterer, werde ich versuchen, wie nun oben gelernt, dabei umzusetzen.
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Re: Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Tanner » Do 17. Mär 2016, 11:56  

Liebe Elke, zu deinen graufedrigen Anmerkungen: Du schreibst: Der Tag war gelaufen, dachte er. Ist das jetzt pingelig oder falsch, wenn ich sage: Der Tag ist gelaufen, dachte er. Er denkt doch in der Gegenwart, oder?
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Re: Perspektivwechsel mehrerer Charaktere einer Geschichte

Beitragvon Elke » Do 17. Mär 2016, 13:19  

Liebe Tanner, spannende Sache. :-)
ABER: Die Gedanken sind frei.
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