Ausgerechnet Beethoven! von Gertrud Geschichte lesen Ausgerechnet Beethoven!
Beethoven! Ich kann es nicht fassen, ausgerechnet ich habe Beethoven gezogen. So jemand aus der Steinzeit, mit einer Mucke für Leute, die in Rente oder fast schon im Grab sind. Wobei, darf man diese Musik überhaupt als Mucke bezeichnen? Was soll`s? Shit happens.
Herr Kleinschmid, unser Musiklehrer, ist jedenfalls der beste Kumpel von diesen Mumien. Heute morgen war er mit dem Referatbeutel umher gegangen, für jeden aus unserer Klasse lag ein Zettel drin. Das ist für ihn das Highlight in unserer 10b.
O-Ton Herr Kleinschmidt: „ Ich möchte mit euch Streifzüge durch die prall gefüllten Jahrhunderte voller Musik unternehmen.“
„Tschaikowsky?“, höre ich Luke hinter mir, mit Fragezeichen in der Stimme. Madleen dagegen ruft „Vivaldi! Wenigstens ein Italiener.“ Simon zieht Richard Strauss, den kennt kein Mensch in unserer Klasse. Und ich Ludwig van Beethoven!
Theresa kommt an meinen Tisch.
„Soll ich meinen Vater mal fragen? Der hat ein ganzes Regal voller CD`s von Beethoven und er hilft dir bestimmt gerne.“
„Laß man, das kriege ich auch alleine hin.“
Kaum habe ich das gesagt, könnte ich mir selber in den Hintern beißen. Theresa ist die Person, die ich aus unserer Klasse am besten leiden kann, alle anderen nerven mich ziemlich. Zu gaga, zu asi, zu aggro. Nur bei Theresa habe ich ein gutes Gefühl. Warum habe ich also so blöd reagiert? Manchmal kapier ich selber nicht, was mit mir los ist.
Herr Kleinschmidt klopft mir aufmunternd auf die Schulter. „Louis, bei deinem Namen habe ich mir gewünscht, dass du Beethoven bekommst.“
Auch das noch!
Zwei Wochen haben wir Zeit, das Referat vorzubereiten. Zwei Wochen Zeit für Beethoven? Nicht mit mir. Einmal durch Google marschieren, ein paar Daten aufschreiben, kleine Musikprobe nehmen und abhaken. Das ist mein Plan.
Doch schon bei meiner ersten Recherche erwartet mich eine Überraschung. Die KI spuckt eine Wunderlichkeit nach der anderen über den Meister aus. Immer wieder wird Beethovens große Genialität mit seiner Einsamkeit in Verbindung gesetzt.
Seit Corona weiß mittlerweile jeder, dass die Kids von heute alle einen Schaden haben. Einen Isolationsschaden. Ich bin das beste Beispiel. Obwohl ich erst sechzehn bin, kenne ich mich mit depri Emotionen bestens aus und bin überrascht, dass das auch schon vor Jahrhunderten ein Thema war.
Ich lese, dass der Komponist eine extreme Persönlichkeit besaß. Er hatte sich einfach nicht im Griff, war strange, ein Messie und lag ständig im Zoff mit seinen Freunden und Bekannten.
Ich schaue mich an, horche in mich hinein, sehe mich in meinem Zimmer um. Sieht ganz danach aus, als ob Beethoven in der gleichen Phase steckengeblieben ist, in der ich mich gerade befinde. Crazy, dass so was möglich ist. Doch dann lese ich von seinem Vater, der ihn zum Klavierspielen gezwungen und als musikalisches Wunderkind den Royals und Vip`s päsentiert hat. Das finde ich bodenlos und macht mich echt sauer, wenn erwachsene Menschen Kinder so ausnutzen. Ehrgeiz bei Eltern sollte verboten werden.
Doch sogar Typen mit einer extremem Aura können lost sein. So richtig lost, meine ich. Aber das war Beethoven nicht. Da war etwas in im drin, so eine Superkraft, eine Art Instinkt und er hat sich neu fokussiert. Er fand es saucool, wofür die Franzosen zu seiner Zeit in...