Liegen, bei Dir von Tanner Geschichte lesen Liegen, bei Dir Sie hatten sich seit über vierzig Jahren nicht gesehen.
Als Clara an diesem verregneten Donnerstag das kleine Hotel am See betrat, erkannte sie ihn trotzdem sofort. Nicht an seinem Gesicht, das war schmaler geworden, die Haare fast vollständig grau, sondern an der Art, wie er dastand: eine Hand in der Manteltasche, leicht nach vorne gebeugt, als würde er immer noch aufmerksam zuhören, selbst wenn niemand sprach.
„Martin?“
Er drehte sich um. Einen Moment lang war da dieses Erstaunen, dann ein langsames Lächeln.
„Clara.“
Sie umarmten sich vorsichtig, höflich beinahe. Zwei Menschen über sechzig, beide verheiratet, beide Großeltern in spe, beide mit dem Gefühl, vernünftig geworden zu sein. Und doch blieb seine Hand einen Augenblick zu lange an ihrem Rücken liegen.
Zu lange?, dachte sie, das ist so vertraut!
Sie setzten sich ins Restaurant des Hotels. Draußen zog Nebel über den See, drinnen roch es nach Rotwein und Kerzenwachs. Sie erzählten von Kindern, alten Freunden, Ruhestand. Von Ehepartnern, die sie mochten, mit denen sie ihr Leben aufgebaut hatten.
Und zwischen all diesen vernünftigen Dingen lag etwas Ungesagtes.
Damals, mit Anfang zwanzig, nach dem Abitur, hatten sie sich geliebt wie Menschen, die glauben, die Welt könne allein durch Begehren zusammengehalten werden. Dann war das Leben gekommen: Studium an verschiedenen Orten, Arbeit, Umzüge, Entscheidungen.
Clara hatte Michael geheiratet, einen Zahnarzt. Sie hatten sich an der Uni kennen gelernt.
Eine fast erwachsene Tochter lebte noch bei ihnen. Sie würde in einigen Wochen ihr Kind bekommen.
„Allein erziehend“, seufzte Clara, „da wird auch auf uns einiges zukommen.“
Die ersten Jahre waren sie in Verbindung geblieben, hatten sich geschrieben. Irgendwann waren Briefe unbeantwortet geblieben.
Martin war mit einer Schauspielerin verheiratet. Sie hatten zwei Söhne.
„Ich habe oft an dich gedacht“, sagte er leise.
Clara sah in ihr Glas. „Ich habe dich auch nie vergessen.“
Es wurde spät. Die anderen Gäste verschwanden nach und nach. Als sie schließlich aufstanden, berührte er beim Gehen zufällig ihre Hand, oder vielleicht auch nicht zufällig. Fragend?
Vor ihrer Zimmertür blieben sie stehen.
„Das ist eine schlechte Idee“, sagte Clara mit einem kleinen Lächeln.
„Wahrscheinlich.“
Sie hätte gehen können. Stattdessen öffnete sie die Tür.
Das Zimmer war warm. Clara stellte ihre Tasche ab, langsam, als brauche sie Zeit, um die Entscheidung noch rückgängig machen zu können. Martin trat näher, vorsichtig, beinahe zärtlich, unsicher.
„Du bist wunderschön“, sagte er.
Sie lachte leise. „Mit über sechzig muss man das nicht mehr sagen, oder?“
„Nein“, antwortete er. „Mit sechzig meint man es ernster.“
Sein Anruf letzte Woche, als er fragte, ob sie sich ein Treffen vorstellen könne, hatte sie...