Alle gegen einen von Margit Dorfmüller Geschichte lesenDer Gerichtsdiener schloss die schweren Flügel der Eichenholztür des Verhandlungssaals so langsam und vorsichtig, dass es nur mit einem sehr guten Gehör wahrzunehmen war und es einem kleinen, leichten Etwas gelang, gerade noch hinein zu huschen.
Poul, der mit dem Rücken zur Tür angespannt auf seinem Platz hockte, hörte es jedenfalls – und er roch es. Das musste Topo sein, der Gerichtsschreibermäuserich, die Klatschbase vor dem Herrn, aber vor welchem eigentlich.
Das Scharren von Hufen und Klauen, Stiefeln und Krallen auf den Zuschauerbänken verebbte, als der Richter, Signore Montone durch die Seitentüre zu seinem Pult schritt; man vernahm nur noch ehrfürchtiges Raunen, Glucksen und Grunzen.
Dann wurde es still; der Richter streifte das Halsband mit der Gerichtsglocke über seinen mächtigen Schädel und blickte streng in die Runde. Seine Blicke maßen jede Sitzreihe; bei Poul blieben sie haften.
Der kauerte ganz allein in seiner Bank. An seiner Seite, wo sein Verteidiger hätte sein sollen, klaffte eine Lücke. Poul fühlte sie so stark, dass es ihm den Atem abschnürte.
Renardo, nur Pflichtverteidiger, aber ein ausgefuchster Schlaukopf, wenn es um die Belange der Fressfeinde des Menschen ging, war am Vortag von einem breitreifigen Auto erwischt worden, und das Gericht hatte so schnell keinen Ersatz für ihn gefunden.
Man hatte Poul gefragt, ob er seine Verteidigung selbst übernehmen könnte. Was blieb ihm übrig?
Man gestand ihm zu, jemanden aus dem Publikum zu nennen, der etwas zu seinen Gunsten vorbringen könnte. Ihm fielen jedoch nur wenige ein, die auf seiner Seite standen, und von denen würde wohl keiner den Mut aufbringen, für ihn zu sprechen.
Seine Gedanken schweiften zu Pula, seiner Frau, die mit den zwei Welpen im Wald vielleicht vergeblich auf ihn wartete. Sie würde sicher allein zurechtkommen und die Jungen würden bald ihrer Wege ziehen. Doch bis dahin hätte er sie gerne begleitet und mit Pula in den nächsten Jahren noch einen Wurf großgezogen. Ihm war zum Heulen.
Die Stille im Saal dröhnte in seinen Ohren. Unzählige Gerüche, ein Gemisch aus feindseligen, ängstlichen, verlockenden, vertrauten, verwirrten ihn. Seine Flanken bebten.
Als er aufsah, traf ihn der Blick des Richters. Poul straffte sich und wandte den Kopf zur Seite. Direkter Augenkontakt ist zu vermeiden, das musste der Widder doch wissen. Mit einem Raubtier ebenso wie mit Hunden und Katzen.
Richter Montone fiel eine schmutzigweiße Locke in die Stirn und seine Hörner zeigten geradewegs in den Saal hinein, als er die Anklage verlas.
Ein Raunen ging durch den Saal, als er Pouls Vergehen aufzählte, die Bewiesenen und die Vermuteten. Das mit den Lämmern, das war er nicht.
Die hatte der ausgebüxte Hund eines Städters gerissen; arrogante, ungezogene Flegel, alle beide.
Bei der Beschreibung des blutigen Unglücks konnte man ein leises Blöken aus dem Zuschauerraum hören. Entrüstetes Gackern. Selbstgerechtes Fauchen.
Der Gerichtsmäuserich schrieb eifrig mit. Wehrlose Schafe in ihrer Unschuld, ihrer Sanftmut – ja das traf den Nerv der Welt. Er würde nicht gut wegkommen, besonders bei den Menschen nicht, dachte Poul. Für die war der Wolf das Sinnbild des Bösen – aber das beruhte schließlich auf Gegenseitigkeit.
Beim nächsten Anklagepunkt, der Geschichte mit den Gänsen, war er tatsächlich übers Ziel hinausgeschossen. Er hat...